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Zurück in Deutschland (Repatriation Part 1)

Repatriation: Die Rückholung ins Herkunftsland. Ein Jahr nach unserer Rückkehr nach Deutschland möchte ich einen Rückblick wagen: Wie ist es uns ergangen, was ist alles passiert? Was waren die Herausforderungen und was war besonders schön? Unser erstes Jahr zurück in Deutschland:

Juli bis September 2018 – Repatriation

Ich erinnere mich noch sehr genau daran, wie emotional der Abschied von Seoul für uns alle war. Wir alle ließen uns lieb gewonnene Menschen zurück. Doch die Freude überwog: nach drei Jahren wieder näher an unsere Familie & Freunde rücken – so war auch das große Wiedersehen am Frankfurter Flughafen emotional und sehr schön!

Wiedersehen Flughafen Frankfurt

Gleichzeitig mussten wir uns mit dem Tatsache anfreunden in Deutschland nicht in unsere alte Heimat zurückzukehren, sondern auch wieder in eine Gegend zu ziehen, zu der wir keinerlei Bezug hatten. Next stop: Franken! So zogen wir für 2 Monate in eine Übergangswohnung in Erlangen und begannen das beschauliche Kleinstadtleben mit viel Natur, ganz vielen Spielplätzen und einem sehr heißen Sommer (ohne Klimaanlage) zu genießen. Es war ein schöner Sommer, wir durften wieder alles neu entdecken. Ich weiß noch wie fasziniert ich vom morgendlichen Vogelgezwitscher, dem satten grün der Wiesen und Wälder war und wie irritierend und teilweise auch anstrengend ich es empfand plötzlich wieder alles Gesprochene auf der Straße, im Bus, im Restaurant, im Einkaufsmarkt zu verstehen.

Doch die Sommermonate zogen sich, wir waren lediglich mit ein paar wenigen Koffern eingereist, uns fehlten unsere eigenen vertrauten Sachen und erschwerend kam hinzu, dass wir in Korea bereits 2 Wochen Ferien hatten, in Bayern die Sommerferien 4 Wochen nach unserer Ankunft erst begannen und dann natürlich auch noch 6 Wochen andauern würden. Das hieß für uns: insgesamt 12 Wochen Ferien, 12 Wochen = 3 Monate. 3 Monate in einer Übergangswohnung in einer Umgebung, in der wir niemanden kannte, die Mädchen keine Freunde hatten und wir uns erstmal aklimatisieren mussten und es unglaublich viel zu organisieren gab. Es war teilweise ein Spießrutenlaufen, der an unser aller Nerven zerrte.

Umso dankbarer war ich, als eine liebe Freundin uns kurzerhand nach Österreich in ihr Ferienhaus einlud.

Kärnten Sommer 2018

So machten wir uns eine wunderschöne gemeinsame Zeit im schönen Kärnten. Vielen lieben Dank an dieser Stelle nochmal an Veronika von Meine Kostbarkeiten.

Irgendwie haben wir diese super lange Ferienzeit dann doch rum bekommen und durften unserem nächsten Event entgegenfiebern: Emis Einschulung!

September bis Dezember 2018 – Ankommen

Am 01. September 2018 zogen wir aus unserer Übergangswohnung in Erlangen aus und in unser Haus auf einem Dorf zwischen Erlangen und Forchheim ein. Wir hatten uns bewusst für das Leben auf dem Dorf entschieden – aus 2 Gründen. 1. die Mieten in der Stadt sind exorbitant hoch und die Objekte, die uns der Makler zeigte überzeugten uns nicht. 2. Wir wollten nach drei Jahren Seoul, schlechter Luft und wenig Natur die volle Ladung Natur mit allem drum und dran. Bis heute genießen wir das Grün, die frische Luft, die Weite und die Ruhe.

Anfang September feierten wir den 4. Geburtstag unserer Selma. Das nächste Event sollte sich schnell anschließen.

4. Geburtstag Selma

Ab dem 11.9. hieß es dann für Emi: Der Ernst des Lebens beginnt… Furchtbarer Spruch, aber doch auch wahr, denn sehr schnell holte uns die harte Realität des deutschen Schulsystems ein. Kein Kuschel-Modus mehr, wie wir es aus unserem tollen international Kindergarten in Korea gewohnt waren, nein, jetzt zählt nur noch Leistung, der Lehrplan muss durchgeboxt werden, um jeden Preis.

Einschulung Emi September 2018

Emi verlor leider sehr schnell die natürliche Lust am Lernen, die sie durch die ECLC-Jahre entwickelt und begleitet hatte. Zu schnell verlangte das System zu viel von ihr ab, sie musste sich sozial erst neu eingliedern, neue Kontakte knüpfen, beim Lernpensum mithalten – es war viel – aber sie meistert es mit Bravour. Heute, ein Jahr später haben wir es geschafft, ihre Freude am Lernen wieder zu wecken, vermutlich war es einfach zu viel auf einmal kurz nach der Rückkehr aus Seoul.

Gleichzeitig startete auch Selmas Kindergarten, beide Kinder waren somit betreut. Natürlich ging all das nicht so smooth, wie es sich hier vielleicht liest, in kürzester Zeit mussten wir (Deadline war der Schulstart) uns neu orientieren, sämtliche Behördengänge erledigen (wieder neu anmelden, Auto anmelden, dann wieder abmelden und alles wieder neu anmelden aufgrund des zweimaligen Umzugs), die Schuluntersuchung musste nachgeholt werden, eine Wohnung oder ein Haus und die Kita für Selma gefunden werden. Es war eine turbulente Zeit.

Doch nun hatten wir all das geschafft und ich sah mich mit der Frage konfrontiert: Wie soll es überhaupt für mich weitergehen? Ich hatte mich in all dem Trubel entschieden, meinen Marktwert einfach mal zu testen. Was damals genau der Trigger war, weiß ich nicht mehr, ich kann mich aber noch erinnern, dass mein Rentenbescheid der im Laufe der ersten Wochen nach unserem Rückzug ins Haus flatterte, mich darin bestärkte das Projekt “Working-Mom” sehr ernsthaft anzugehen. Mittlerweile war ich 4 Jahre nicht mehr in einem Angestellten-Verhältnis beschäftigt – das wollte ich ändern.

Nach kurzem Bewerbungsprozess bot sich mir die Gelgenheit einer Vollzeitstelle mit Option auf bis zu 3 Tage Homeoffice – Bingo, das klang super, das wollte ich jetzt unbedingt! Also begann ich zu organisieren, Fragen die aufkamen:

  • Kinderbetreuung
  • Haushalt
  • Fahrtstrecke – 40km täglich: ich brauche unser Auto (wir hatten bis dato nur ein Auto, mein Mann bot an er könne die öffentlichen Verkehrsmittel nutzen – super, so machen wir das)

Zum Thema Kinderbetreuung war schnell klar, dass wir es mit einem Aupair probieren wollen. Ich vertiefte mich in das Thema, las Blogbeiträge, Erfahrungsberichte und ging gleichzeitig auf die Suche nach einem Aupair, das für uns geeignet war. Hierzu werde ich euch gerne detailliert in einem separaten Beitrag berichten.

Schlussendlich wurden wir sehr kurzfristig fündig und unser Aupair aus Indonesien zog Mitte November bei uns ein. Die Kinder fanden es sehr spannend und ich war froh und beruhigt, dass alles sehr smooth von statten ging und ich mich auf meinen Einstieg zurück in die Arbeitswelt voll und ganz konzentrieren konnte.

Wie es mir und uns als Familie dabei erging erzähle ich euch in meinem Beitrag Repatriation Part 2.

Vom Ende, vom neuen Anfang und Visionen

Nun ist es soweit und für uns heißt es Abschied nehmen. In 8 Wochen werden wir hier in Seoul unsere Zelte abbrechen und unsere Reise zurück nach Deutschland antreten. Es sind gemischte Gefühle, mit denen ich zur Zeit konfrontiert werde.

Zwischen Vorfreude und Unsicherheit

Da ist zum einen natürlich unglaubliche Vorfreude auf Familie und Freunde in Deutschland. Seit April 2016 war ich nicht mehr dort und habe viele mir liebe Menschen seitdem auch nicht mehr gesehen und sehr vermisst. Gleichzeitig drängt sich mir ein starkes Gefühl von Unsicherheit auf, denn wir gehen nicht an den Ort zurück von wo aus wir unsere Reise nach Korea angetreten sind. Wir werden nicht nach Frankfurt zurück kehren. Unser nächster Stopp wird Erlangen – Nürnberg sein. Ich war noch nie dort, ich habe keine Ahnung und bin gleichzeitig begeistert, wenn ich mir im Internet Bilder ansehe und die vielen schönen für mich so typisch deutschen Häuser sehe, die viele Natur, das viele Grün, das für mich noch so Ursprüngliche – denn das ist es, was ich hier vermisst habe. Ich bin Großstadt gesättigt – meine Ohren und mein Kopf rauschen – ich wünsche mir Ruhe, Ursprünglichkeit, Natur, Nähe, nicht mehr so viel artificial und Smog und Beton.

Wir kommen also zurück – und es wartet wieder ein neues Abenteuer auf uns – eine für uns neue, unbekannte Stadt, mit neuen uns noch nicht bekannten Menschen, Freundschaften, die geknüpft werden dürfen, Gegenden die erkundet werden wollen, Herausforderungen, die gemeistert werden möchten und natürlich ein riesen Rucksack vollgepackt mit Plänen, die wir haben für uns persönlich, für uns als Familie, beruflich, unternehmerisch und und und…

Wir halten die Spannung hoch

Und ich glaube, das ist es ein wenig, dass uns trägt. Diese Spannung für unser Tun und unsere Pläne, die wir immer wieder erschaffen. Egal wohin der Weg uns führt, wir haben Pläne, wir machen uns selbst diese Pläne, wir kreieren uns Vorstellungen unserer Zukunft, in der wir wünschen zu leben, wir schaffen Bilder in unseren Köpfen, die wir anvisieren und die uns da hinbringen sollen wo wir hinkommen – ortsunabhänging. Das fühlt sich für mich ein bisschen nach Freiheit an – die Fähigkeit dies zu beherrschen nach Luxus. In diesem Kontext ist es mir auch völlig egal, wo ich auf der Welt bin und deswegen ist für mich der Ort mittlerweile zweitrangig.

Ich visualisiere mir meine Welt ganz so wie sie mir gefällt

Fragen und Aussagen, die mich aktuell erreichen: Ja nun ist Erlangen aber gar nicht der Ort wo du herkommst, du kennst das ja gar nicht, das ist doch bestimmt nicht leicht. Oder: Das wird doch bestimmt total schwer für euch, wenn ihr dann gar nicht nach Frankfurt wieder zurück kommt und in Erlangen ganz von 0 anfangen müsst. 
Es fällt mir schwer, solche Aussagen zu verstehen. Ich sehe den Schwierigkeitsgrad nicht und darüber bin ich auch froh. Vermutlich fällt es uns einfach so leicht, wie wir uns wünschen, dass es leicht fallen soll – Stichwort Visualisierung. Was soll ich mich denn jetzt gerade damit beschäftigen, welche Hürden und vermeidlichen Schwierigkeiten uns dort erwarten werden, wenn ich a) noch gar nicht da bin und b) es sogar hinbekommen habe gemeinsam mit meiner Familie am anderen Ende der Welt glückliche und erfüllende Jahre zu verbringen. Man mag mich nun Träumerin nennen – das klingt so negativ –  ich möchte mich lieber als eine Visionärin sehen. Ich möchte nicht stagnieren aus welchen fadenscheinigen Gründen auch immer. Ich möchte mich selber auch nicht blockieren mit Gedanken solcher Qualität, sie fördern nicht, sie fordern nur zu viel Energie, ich möchte lieber das Potential in etwas sehen, die Chance, das, was es mir Gutes bringen kann.

Und deswegen sehe ich unseren nächsten Schritt als unsere nächste Chance, für jeden Einzelnen von uns, als Familie, als Paar, beruflich, privat, auf allen Ebenen in allen Facetten. Ich bin neugierig, ich bin gespannt, ich WILL das JETZT und wir haben Pläne – das ich so wichtig!!

Und ich freue mich auch außerordentlich, wenn ihr uns auch auf diesem Weg begleitet! Danke, dass ihr dieses ganze Stück schon gemeinsam mit uns gegangen seid, danke für all euer Feedback vor allem auch bei Instagram – wir sind mittlerweile 800 und ich freue mich über jeden einzelnen von euch!

 

 

Gemischte Gefühle – unser erster Deutschland-Besuch steht an

Samstag, 26.03.2016. Gar nicht mehr lange und dann heißt es für uns Urlaub. Ein ganz besonderer Urlaub steht an. Sicherlich habt ihr schon mitbekommen, dass wir das erste mal nach fast einem Jahr nach Deutschland fliegen.

Wie fühlt sich das an? Seltsam, spannend, ein bisschen aufregend. Emi ist schon ganz aufgeregt. Sie fragt ständig, wann wir fliegen, wie oft sie noch schlafen muss. Was sie wohl erwartet von dieser Reise? Beantworten kann sie mir diese Frage nicht. Ein Jahr lang haben wir tolle Erfahrungen gesammelt, so viele Menschen kennen gelernt, neue Freundschaften geknüpft, uns in der Fremde und Ferne alleine zurecht gefunden. Wir sind gewachsen mit den Erfahrungen und an den Herausforderungen. Ich habe nahezu jede Sekunde bisher hier genossen. Ich bin glücklich über das, was wir hier erleben und glücklich darüber, dass wir uns darüber freuen können, in ein paar Tagen sorglos und unbeschwert nach Deutschland zu fliegen und unsere Familie und Freunde nach so einer langen Zeit wieder in die Arme schließen zu dürfen. Das alles ist nicht selbstverständlich! Es geht uns gut, wir haben Gott sei dank keine großen Sorgen, wir führen ein wirklich sehr priviligiertes Leben, für das wir dankbar sein dürfen.

Und doch gibt es Dinge, Tatsachen, Bilder, Ereignisse, die mich traurig machen, die mich zweifeln lassen, die mich ratlos und sprachlos machen. Und mit unserem sorglosen Besuch in Deutschland schwingt immer so ein bisschen ein Gefühl von Schwere mit. Wie ist die Stimmung in dem Land, dem wir vor einem Jahr nicht unbegründet ganz bewusst den Rücken gekehrt haben. Dass, was über die Medien transportiert wird, zeichnet für uns hier ein manchmal chaotisches, manchmal von Hass und Fremdenfeindlichkeit dominiertes Bild einer menschlichen Landschaft, das mir nicht gefällt, das mich beunruhigt und das ich meinen Kindern nicht zeigen möchte. Und mich beschleicht dieses Gefühl von Unwohlsein und Unsicherheit. Wenn ich an Deutschland denke, dann beginne ich mich schwer zu fühlen, dann sehe ich ganz viel grau, viele grieskrämige Menschen, die sich über alles Mögliche unsinnigerweise beschweren, die unreflektiert ihre Abneigung anderen Menschen gegenüber bekunden, nur weil sie eben anders sind, hierbei ist meistens ganz gleich ob das nun zu Recht oder zu Unrecht geschieht.

Wisst ihr, ich hieß mal anders, ich hatte mal einen deutschen Nachnamen und mit dem war alles so wunderbar einfach. Dann habe ich geheiratet und hatte plötzlich einen türkischen Nachnamen. Und schon wurde alles schwerer. Am Telefon habe ich mich irgendwann bewusst immer mit Vor- und Nachnamen gemeldet, damit ich bloß nicht schon von erster Sekunde an in eine Schublade gesteckt werde. Ich wollte einfach so behandelt werden, wie es mir bisher bekannt war und wie es eigentlich normal sein sollte! Wie verrückt, dass ich meinen deutschen Namen meinem türkischen Nachnamen dafür voransetzen musste, oder? All das, was hinter dieser kleinen Anekdote steckt möchte ich nicht, nicht für meine Kinder, nicht für meinen Mann, nicht für mich! Deutschland, warum machst du es mir so schwer?

Wenn ihr das hier lest, dann sitzen wir gerade im Flieger nach Deutschland, vielleicht sind wir auch schon angekommen. Ich würde mich so freuen, wenn sich mein Gefühl sobald wir ankommen, ändert… Wenn die Bilder der Medien, die uns hier erreichen, falsch sind, die Stimmung, die dadurch transportiert wird, nicht real ist. Und wenn meine Erinnerung an so viele grieskrämige, unfreundliche, voreingenommene Menschen völlig falsch ist.

Hiermit melde ich uns für 2 Wochen dann auch ab. Wir werden eine wundervolle Hochzeit meiner Schwester feiern, tolle Menschen treffen, die ich sehr vermisst habe, hoffentlich viel lachen, gut essen, bis tief in die Nacht quatschen und es uns gut gehen lassen mit all unseren Herzensmenschen!
Bis dahin wünsche ich euch auch eine tolle Zeit. Die Eine und Andere werde ich ja am 8.4. beim #RMEB Café treffen. Darauf freue ich mich auch schon riesig.

 

Miriam aus Bangladesh

Es ist wieder Mittwoch und einmal mehr Zeit für meine Interviewreihe ‘Mama-abroad’. Ich finde es immer unwahrscheinlich spannend meine Fragen anderen Expat-Mamas zu stellen und die spannenden Antworten dann mit euch zu teilen.

Heute hat sich die liebe Miriam meinen Fragen gestellt. Miriam wohnt momentan mit ihrer Familie in Dhaka in Bangladesch. Das klingt spannend, nicht wahr? Viel Spaß wünsche ich euch mit ihren Antworten.

Montagmorgen, der Wecker klingelt, die Woche geht wieder los. Wie sieht denn so ein typischer Expat-Mama-Montag-Morgen bei dir so aus?
Die erste Besonderheit hier in Bangladesch ist, dass unsere Arbeitswoche bereits am Sonntag wieder losgeht. Dafür ist der Donnerstag der letzte Arbeitstag der Woche, denn hier sind Freitag und Samstag das muslimische Wochenende. Der Wecker klingelt also am Sonntag morgen um halb sieben und an einem guten Morgen habe ich noch Zeit, in Ruhe zu duschen, bevor meine Mini-Mädels auf der Matte stehen. Wenn die beiden auf sind, beginnt der tägliche Kampf: Wegen der auch im Winter noch recht starken Sonneneinstrahlung und der ganzjährigen Gefahr, durch Mückenstiche Dengue-Fieber zu bekommen, verfolge ich meine Töchter mit Sonnenmilch und „Odomos“ (eine indische Anti-Mücken-Creme) durch die Wohnung. Der große Luxus hier in Dhaka ist, dass wir ein Kindermädchen haben, das morgens beim Frühstück und dem folgenden Zahnputzdrama hilft. Wenn mein Mann und ich es auch geschafft haben, uns anzuziehen, gegen Mücken einzucremen und einen Kaffee zu trinken, heißt es: Alle ins Auto! Erst wird mein Mann bei seinem Büro abgesetzt, dann bringt unser Fahrer die Kinder und mich zum Kindergarten. Ja, wir haben auch einen Fahrer – wie fast alle Ausländer, die in Bangladesch leben, denn nicht nur der Linksverkehr, sondern vor allem der haarsträubende Zustand der Straßen und die noch haarsträubendere Fahrweise der anderen Verkehrsteilnehmer (besonders der vielen Fahrrad-Rikschas) macht es hier fast unmöglich, allein mit dem Wagen unterwegs zu sein… Im Kindergarten verabschiede ich mich von den Mäusen und fahre wieder heim, wo ich mich mit einem zweiten Kaffee an den Laptop setze und an meinem Roman weiterschreibe – oder Interviewfragen beantworte!

Stell dich doch bitte kurz vor.
Mein Name ist Miriam Covi und ich lebe seit August letzten Jahres mit meiner Familie in Dhaka, Bangladesch. Zuvor haben wir vier Jahre lang in Rom gewohnt, wo meine zwei Töchter (drei Jahre und zwei Jahre alt) geboren worden sind. Der Diplomatenberuf meines Mannes führt uns alle paar Jahre in ein neues Land. Ich selbst bin Fremdsprachenassistentin, allerdings momentan in Elternzeit, weshalb ich mich ganz auf meine schriftstellerische Tätigkeit konzentrieren kann – wenn ich nicht gerade Duplo-Häuser baue…

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Was hat dich dazu bewogen ins Ausland zu gehen?
Als ich von 2005 bis 2008 als Fremdsprachenassistentin an der Ständigen Vertretung Deutschlands bei den Vereinten Nationen in New York gearbeitet habe, wollte ich nach dieser Zeit eigentlich wieder nach Deutschland zurückkehren und mir einen „normalen“ Job in der deutschen Wirtschaft suchen. Doch in New York habe ich meinen Mann kennen gelernt und seitdem ziehen wir gemeinsam durch die Weltgeschichte. Ich bin nicht immer glücklich darüber und frage mich vor allem seit der Geburt unserer Töchter oft, ob unser Lebensstil der richtige für alle Beteiligten ist. Andererseits kann ich mir inzwischen nicht mehr vorstellen, mein ganzes Leben an ein und demselben Ort zu verbringen – und schon gar nicht in Deutschland. Ich liebe meine Heimat zwar, aber es gibt einfach so viele spannende Orte auf dieser Welt, die es zu entdecken gilt… Die Lust am Reisen habe ich wohl von meinen Eltern geerbt, die in den 60ern ein Jahr lang per VW-Bulli über den amerikanischen Kontinent gefahren sind und später ein paar Jahre in Kenia gelebt haben.

Was bedeutet für dich Ankommen und wie lange hast du gebraucht um in deiner neuen Heimat anzukommen?
Ich komme derzeit immer noch an. Bangladesch ist kein einfaches Land, vor allem nicht, seit sich die Sicherheitslage verschärft hat. Auch hier soll der Islamische Staat nun aktiv sein, weshalb Ausländer nicht mehr so selbstverständlich wie früher zu Fuß auf der Straße unterwegs sind oder mit den Fahrrad-Rikschas fahren. Besonders schwer finde ich es immer, wenn man im Prozess des Ankommens neue Leute kennen lernt und ins Herz schließt, sich jedoch kurze Zeit später wieder verabschieden muss, weil die neu gewonnenen Freunde weiterziehen. Das ist das Schlimme am Expat-Dasein: Das ewige Abschiednehmen.

Was schätzt du besonders an deiner neuen Heimat und worauf könntest du gut verzichten?
Ich schätze die Freundlichkeit der Leute und die angenehm sommerlichen Temperaturen, die derzeit den Monat Januar sehr erfreulich machen. Verzichten könnte ich gut auf die ewige Sorge, von Mücken gestochen zu werden und daher Dengue-Fieber bekommen zu können. Außerdem ist es in Dhaka immer laut: Baustellen, Verkehr, Flugzeuge, die dicht über unser Haus hinweg donnern. Darauf könnte ich gut verzichten – und auf den Smog, der in den Wintermonaten oft die Sonne hinter einem Dunstschleier verschwinden lässt.

Wie hat haben deine Kinder auf all die Umstellungen und neuen Eindrücke reagiert?
Sie haben sich zum Glück schnell in Dhaka eingelebt und sind auch von Anfang an sehr gern in ihren neuen Kindergarten gegangen. Von dort kommen sie täglich mit neuen englischen Sprachbrocken nach Hause – es ist toll zu erleben, wie schnell Kinder Fremdsprachen lernen. Allerdings macht es mich immer ein wenig traurig, wenn unsere ältere Tochter mit ihren drei Jahren auch jetzt, nach über sechs Monaten, die wir aus Rom fort sind, nach wie vor von ihren italienischen Kindergartenfreunden erzählt. Ich hatte geglaubt, dass sie in diesem jungen Alter noch schnell über Abschied und Neuanfang hinwegkäme. Doch Giacomo, Luca und Sandra sind nach wie vor Teil ihres kleinen Kinderherzens – und das tut mir weh, denn ich frage mich, wie das Abschiednehmen in Zukunft aussehen wird, wenn unsere Töchter älter und Freunde noch wichtiger werden.

Hast du durch das Auswandern und Leben an einem anderen Flecken dieser Erde etwas Spezielles gelernt?
Ich habe gelernt, offener auf neue Leute zuzugehen, schneller Kontakte zu knüpfen. Das fiel mir früher nicht leicht, ich war eigentlich immer ziemlich schüchtern. Doch wenn man alle paar Jahre an einem neuen Ort von vorne anfängt, muss man sich überwinden und auf andere zugehen, um Anschluss zu finden – oder man bleibt die meiste Zeit sehr einsam. Allerdings machen es mir meine Töchter auch leichter, an einem neuen Ort Kontakte zu knüpfen: Meistens sind es andere Mütter mit kleinen Kindern, mit denen wir uns treffen. Das ist im Ausland wohl genauso wie in Deutschland, wenn man Mutter ist…

Welche 3 Tips würdest du jemandem geben, der gerade kurz davor steht, sich in ein ähnliches Abenteuer zu stürzen?
Gib dir ein paar Monate Zeit, um den ersten Kulturschock zu überwinden. Gib dir dann noch einmal mindestens ein Jahr Zeit, um dich wirklich einzuleben (meistens dauert es noch länger – bloß nicht zu früh verzweifeln und aufgeben!). Was mir immer über die schwierigen ersten Wochen hinweg hilft, wenn die Tage chaotisch sind und man zwischen Überforderung und Heimweh hin- und hergeworfen wird: Ich nehme mir Romane mit, in die ich abends im Bett eintauchen kann. Bücher lenken mich ab und trösten mich. Wenn es tagsüber stressig und auch mal frustrierend wird, weiß ich: Heute Abend wartet die Belohnung auf mich. Während der ersten Wochen in New York, als ich noch Single und sehr oft ganz schön einsam war, hat mich der siebte Harry-Potter-Band davor bewahrt, heulend meine Koffer zu packen und zurück nach Deutschland zu fliegen…

Ich packe meinen Expat-Koffer und nehme mit… Welche 3 Sachen sind unabdingbar und müssen unbedingt schon mit ins Gepäck?
Meinen Laptop, um schreiben zu können. Einen guten Roman zum abendlichen Abschalten im Bett. Und ein Foto meiner Eltern, denn die anderen wichtigsten Menschen in meinem Leben (Mann und Kinder) sind ja glücklicherweise an meiner Seite.

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Miriam, Dhaka (Bangladesch), 2 Kinder, www.miriamcovi.de

 

Liebe Miriam, vielen lieben Dank, dass du mitgemacht hast und für deine erfahrenen Antworten, die für andere Expatmamas sicherlich einen großen Mehrwert haben. Dir und deiner Familie wünsche ich weiterhin alles Gute in Dhaka.

Findet ihr die Antworten von  Miriam ebenso spannend und möchtet noch mehr über sie erfahren oder von ihr lesen? Dann schaut doch mal auf ihrem Blog vorbei.

P.s.: Du bist auch eine Expatmama und hast Lust bei ‘Mama abroad’ mitzumachen? Schreibe mir gerne eine Email an johanna@mamalogik.com. Ich melde mich dann bei dir.

 

 

Tina aus Chattanooga

Ich freue mich euch heute – nach einer langen ‘Mama-abroad’ Pause –  die wunderbare Tina von tinabusch.com vorstellen zu dürfen. Gemeinsam mit Tina und Jonna von Expatmamas – Im Ausland zu Hause betreuen wir die Facebook-Gruppe Expatmamas. Wer von euch auch Expatmama ist und Austausch sucht, ist in unserem Grüppchen immer herzlich willkommen 🙂
Nun aber zu Tina.  Tina lebt mit ihrer Familie seit mehr als vier Jahren in Chattanooga/ Tennessee. Viel Spaß mit Tinas Antworten.

Montagmorgen, der Wecker klingelt, die Woche geht wieder los. Wie sieht denn so ein typischer Expat-Mama-Montag-Morgen bei dir so aus?
Zuerst gibt’s eine Tasse Tee, Ostfriesen-Mischung, dann packe ich die Schul-Lunchbox für meine Tochter und den Kindergarten-Rucksack für meinen Sohn, decke den Frühstückstisch, und wecke die Kinder – gaaanz vorsichtig. Und dann läuft der Countdown: zack anziehen, zack frühstücken, zack Zähne putzen, zack Schuhe, Jacke, Rucksäcke und ab ins Auto. Zuerst zur Schule, dann zum Kindergarten, dann in den Wald. Hier treffe ich mich immer montags mit meiner Expat-Walking-Gruppe. Nachdem ich mich an der frischen Luft ausgepowert und ausgequatscht habe, setze ich mich mit einer Tasse Kaffee an meinen Schreibtisch und bastele an meinem Blog.

Stell dich doch bitte kurz vor.
Ich heiße Tina, bin 38 Jahre alt und lebe mit meinem Mann und meinen beiden Kids (meine Tochter ist 5, mein Sohn 3) seit mehr als 4 Jahren in Chattanooga, USA. Ich bin leidenschaftliche Tee- und Kaffeetrinkerin, verschlinge Bücher und Zeitschriften, habe immer eine endlose To-Do-Liste, riesengroße Wäscheberge und kenne keine Langeweile. Wenn ich nicht blogge, arbeite ich als freiberufliche Übersetzerin. Dazu mache ich mir eigentlich täglich Gedanken über meinen beruflichen Wiedereinstieg, wenn es für uns im Sommer 2016 zurück nach Deutschland geht. Ich bin promovierte Linguistin, die mit einer Lücke von 6 Jahren im Lebenslauf auf Jobsuche gehen wird und sehr gespannt ist auf die Reaktionen der Personaler.

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Was hat dich dazu bewogen ins Ausland zu gehen?
Uns hat der Job meines Mannes hierher gebracht. Allerdings hatten wir schon vor der Entsendung überlegt, es irgendwann mal auf eigene Faust in den USA zu probieren. Wir sind schon immer viel gereist, haben mehrere längere Auslandsaufenthalte in unserem Erfahrungsschatz und wollten gerne im Ausland arbeiten und als Familie leben.

Was bedeutet für dich Ankommen und wie lange hast du gebraucht, um in deiner neuen Heimat anzukommen?

  • Bei Stau auf der Autobahn auf Umwegen nach Hause zu finden, ohne Navi.
  • Auf dem Wochenmarkt mit Namen angesprochen zu werden.
  • Auch wenn es traurig ist: den ein oder anderen Geburtstag von lieben Menschen in der Heimat zu vergessen, weil man nicht mehr ständig in Kontakt ist bzw. gedanklich in Deutschland weilt.
  • Auf Partys zu gehen, auf denen wir die einzigen (deutschen) Expats sind.
  • Wenn Dich neue Expats um Rat fragen und Du (fast) immer eine Antwort parat hast.

Bei mir hat es rückblickend circa 3 Jahre gedauert, um hier so richtig anzukommen. Allerdings habe ich in diesem Zeitraum meinen Sohn bekommen und ich glaube, dass insbesondere das erste Babyjahr den Prozess des Ankommens und „Sich Zuhause Fühlens“ verlängert hat.

Was schätzt du/ hast du besonders geschätzt an deiner neuen Heimat und worauf könntest du gut verzichten/ hättest du gut verzichten können?
Was ich schätze:

  • Das sonnige und warme Wetter.
  • Die unendlichen Möglichkeiten. Alle Türen stehen erst einmal offen.
  • Die Freundlichkeit der Südstaatler.
  • Dass man als Familie so eng zusammenrückt, dass meine Kinder nicht nur Geschwister, sondern auch beste Freunde sind. Dass Freunde Familienersatz sind. Dass wir keine familiären Verpflichtungen haben.
  • Dass im Expat-Leben nichts für immer ist.

TinaBusch_Chattanooga

Worauf ich verzichten könnte:

  • Jeder hat sie, kaum einer spricht drüber.
  • Immer und überall mit dem Auto hinfahren zu müssen.
  • Tornado Season
  • Dass schnelle Hilfe und Unterstützung von den Großeltern nicht möglich ist.
  • Die 6-Stunden-Zeitverschiebung nach Deutschland. Sie macht das in Kontakt bleiben fast unmöglich, insbesondere mit Freunden, die auch kleine Kinder haben. Daher kommt es auch zu den oben genannten vergessenen Geburtstagen.
  • Dass im Expat-Leben nichts für immer ist.

Wie hat dein Kind/ haben deine Kinder auf all die Umstellungen und neuen Eindrücke reagiert?
Das war bislang bei uns noch kein Thema: meine Tochter war 18 Monate alt, als wir nach Chattanooga gezogen sind; mein Sohn ist erst hier geboren. Interessant wird es für uns, wenn wir im Sommer nach Deutschland zurückkehren. Jonna von expatmamas hat das in ihrem Interview schon sehr treffend ausgedrückt: auch für meine Kinder beginnt die Auslandszeit erst in Deutschland.

Hast du durch das Auswandern und Leben an einem anderen Flecken dieser Erde etwas Spezielles gelernt?
Mein Englisch war schon immer ganz gut. Ich habe Englisch studiert und später auch Kurse an der Uni auf Englisch unterrichtet. Diese Leichtigkeit, mit der ich jetzt aber zwischen beiden Sprachen hin und her wechseln kann, habe ich erst hier im Alltag erworben. Ich hoffe sehr, dass ich diese Fähigkeit noch lange aufrecht erhalten kann.

Welche 3 Tips würdest du jemandem geben, der gerade kurz davor steht, sich in ein ähnliches Abenteuer zu stürzen?

  1. Offen sein, neue Dinge ausprobieren, Andersartigkeiten erst einmal annehmen und nicht gleich bewerten.
  2. Sich über den neuen Wohnort informieren (Reiseführer, Webseiten, Blogs, Facebook-Gruppen, Hashtags) und frühzeitig (d.h. noch in Deutschland) Kontakt zu anderen Expats aufnehmen, die am gleichen Standort leben, und sich Tipps, Ratschläge und Erfahrungsberichte einholen. Was man damit macht und ob man sich mit den anderen Expats auch nach dem Umzug noch regelmäßig trifft, kann man ja später immer noch entscheiden.
  3. Nicht bei der erstbesten Gelegenheit die Flucht ergreifen und in Deutschland Urlaub machen. Der neuen Heimat eine Chance geben, auch mal Unwohlsein für einige Zeit aushalten und sich hinterher auf die Schulter klopfen, dass man es geschafft hat. Nur so wird die Expat-Zeit positiv, erfolgreich und eine schöne Erinnerung.

Ich packe meinen Expat-Koffer und nehme mit… Welche 3 Sachen sind unabdingbar und müssen unbedingt von Anfang an mit ins Gepäck?

  1. Mein Handy, damit ich alle Eindrücke mit der Kamera festhalten und auf meinem Blog von meinen Erlebnissen berichten kann.
  2. Deutsches Deo und Linola Fett Creme
  3. Eine Mischung Ostfriesen-Tee

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Tina, Chattanooga (USA), 2 Kinder, tinabusch.com

Liebe Tina, ich danke dir herzlich für deine tollen Antworten und die Zeit, die du dir für unser Interview genommen hast. Für eure Rückkehr nach Deutschland wünsche ich euch von Herzen alles Gute.

Habt ihr Lust noch mehr tolle Expatmamas kennenzulernen? Bald gibt es wieder ein Interview hier bei Mamalogik & more.

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P.s. Seid ihr auch im Ausland zu Hause? Habt ihr es auch gewagt mit Kind und Kegel den großen Schritt zu wagen? Wollt hier bei Mamalogik davon erzählen? Schreibt mir an johanna@mamalogik.com. Ich freue mich auf euch!